Heinz Hoenig mit Paul Barz
Meine Freiheit nehm ich mir
“Als ob es niemals etwas anderes gegeben hätte als Hoenig das Raubein! Aber mittlerweile ist mir das scheißegal. Viele Journalisten machen ihre Schulaufgaben nicht richtig und übernehmen gerne vorgefertigte Meinungen. Ich glaube, einige von ihnen haben meine Filme gar nicht gesehen. Weshalb sonst orientieren sie sich immer wieder an den Haudrauf-Dingern?” Heinz Hoenig Sicher, diese Rollen des kernigen Schurken gab es genügend. Sie gehören aber ebenso zu den zahlreichen Facetten des Vollblutschauspielers Heinz Hoenig wie die vielen Charakterrollen, in denen er den Menschen in seiner Zerrissenheit, Ohnmacht, Zärtlichkeit und in seinen stärksten Momenten zeigt. Hoenigs Darstellungs-Palette umfasst eben mehr: Man sieht ihn in der Rolle des liebenswerten Halunken ebenso wie in der des Sympathieträgers. Kein Wunder, dass sich um Heinz Hoenig so einige Legenden ranken|... Sein Weg zu einem faszinierenden und bewunderten Schauspieler im deutschsprachigen Raum war beschwerlich. Heinz Hoenig beschreibt ihn in seinen Memoiren mit entwaffnender und zugleich einnehmender Offenheit. Einige der Rollen, die er heute mit so großem Einfühlungsvermögen und überzeugender Intensität spielt, kennt er aus dem eigenen Leben. Denn bevor er sich der Schauspielerei zuwandte, suchte er lange seinen Weg. Seine wilden Jahre brachten ihn in Jobs als Schlosser, Koch, Silberschmied und als Streetworker in Berlin. Erst nach dem Besuch einer amerikanischen Theaterschule und ersten Bühnenengagements gelang ihm der Durchbruch. Und der kam 1981 mit der Rolle des Funkers Hinrich in dem weltweit erfolgreichen Film Das Boot. Danach ging es Schlag auf Schlag, reihte sich Engagement an Engagement, wurde Heinz Hoenig von Star-Regisseuren wie Wolfgang Petersen, Dieter Wedel, Dominik Graf, Diethard Klante, Hark Bohm und anderen immer wieder verpflichtet. Eine Zeit der intensiven Arbeit an sich als Schauspieler begann - verbunden mit Rollenstudium, Disziplin, wechselnden Drehorten und Filmteams, immer neuen Stoffen. Aus Anlass seines 50. Geburtstages hält Heinz Hoenig inne und schaut zurück auf wilde Lebensjahrzehnte. In diesen Jahren ist so unendlich viel passiert, dass es lohnt, gemeinsam mit Heinz Hoenig die Stationen seines aufregenden Lebens zu besuchen. Zeit für ein Resümee, Zeit für einen Ausblick. Denn wir wissen längst noch nicht alles über ihn. Dies ist der ganze Heinz Hoenig - und eben nicht nur “Deutschlands bekanntestes Raubein”.
Tief unten, wo alles ganz still ist
(Seite194 - 205)
Ich denke nach. Über Das Boot. Vielleicht auch über Angie.
Wir hatten nur wenige Außenaufnahmen. Nur die am Anfang und Ende in La Rochelle. Alles andere spielte sich in den Bavaria-Hallen 4/5 ab. Dort tobte unser Seekrieg. Dort trieb unser Boot, von der Riesenwippe in Bewegung gehalten, 280 Meter tief unter dem Meeresspiegel.
Extrem. Eine Situation voll Angst und Spannung. Schweißtreibend. Nervenzerrend. All das musste sich später in seiner Dramatik auf die Zuschauer übertragen, wenn die Story an ihnen nicht als pure Actionshow vorübergleiten sollte. Ganz unterhaltsam vielleicht, aber spurenlos. Und dazu mussten erst mal wir, die Darsteller, all diese Angst und Spannung in uns selbst fühlen.
Authentisch. Hautnah.
Ich bin in meinem Leben nie auf einem U-Boot gewesen. Ich trieb nie 280 Meter tief über dem Meeresboden dahin. Ich weiß nicht und kann nicht wissen, wie das ist. Sicher reicht meine Fantasie, mir das vorzustellen. Aber selbst die stärkste Fantasie hat ihre Grenzen. Sie allein schafft noch nicht das authentische Gefühl, das sich an den Zuschauer weitergeben lässt.
Die Arbeit des Schauspielers beginnt.
Alte Weisheit: Er muss keinen Mord begangen haben, um einen Mörder zu spielen, muss daheim kein Othello sein, um auf der Bühne seine Frau zu erwürgen. Das alles sicher nicht. Schwule können bezwingend Hetero-Liebesszenen spielen, Heteros überzeugende Schwule sein. Und der Alkoholiker auf der Leinwand rührt privat keinen Tropfen an.
Verstellung?
Das auch. Nicht grundlos heißt im Jiddischen der Schauspieler »Versteller«. Aber auch die genialste Verstellung muss ihr tief innerlich durchlebtes Stück Wahrheit haben. Dazu muss der Schauspieler in sich hinabsteigen, muss eine Situation ausgraben, die der seiner Figur entspricht. Das ist ein oft sehr schmerzhafter Vorgang. Aber nur so dringt der Schauspieler zum Kern einer Rolle, zu ihrer inneren Wahrheit vor.
Ich brauchte so tief damals nicht zu graben. Worauf ich stieß, war diese vertrackte, verzweifelte, ausweglose Liebe zu Angie. Was aber hat sie mit der Einsamkeit des Funkers Hinrich zu tun, der tief unten, wo alles ganz still ist, ins Meer hinauslauscht?
Funker Hinrich liebt nichts so wie seine Frau, die Ärztin. Niemand ist ihm näher, niemand ihm unten im Meer ferner. Er sehnt sie mit allen Fasern herbei. Und weiß zugleich, wie unendlich weit sie von ihm fort ist. Unerreichbar. Ein Schmerz, der ihm das Herz verbrennt.
Niemand war mir damals näher als Angie, niemand ferner. Wir waren noch zusammen und wussten doch: Diese Liebe zwischen uns ist ausweglos, ohne Zukunft. Ich sehnte mich nach ihr zurück. So stark, so schön, wie sie am Anfang gewesen war. Und wusste zugleich: vergeblich, aus. Angie, auch wenn noch physisch zugegen, entschwindet irgendwohin. Ebenso gut könnte ich 280 Meter unter dem Meeresspiegel sein.
Meine verzweifelte Sehnsucht nach Angie wurde Hinrichs ebenso verzweifelte Sehnsucht nach seiner Frau. Meine Trauer wurde seine Trauer. Ein seltsamer, für manche sicher beklemmender Prozess. Aber er gehört zur Schauspielerei.
Man wirft uns Darstellern manchmal vor, wir verwechselten Schein mit Wirklichkeit. Richtig. Es muss so sein. Das Spiel schiebt sich in unsere Wirklichkeit, die Wirklichkeit wird Teil vom Spiel. Wo ist die Grenze? Sie fließt. Wer sind wir selbst? Die Rolle? Oder das, was wir von uns selbst hineinstecken und verstecken? Es zählt am Ende einzig, was der Zuschauer von uns sieht und was er dabei empfindet. Dafür leben und arbeiten wir.
Wir haben wohl einen ziemlich unheimlichen Beruf.
Ich spreche nicht gern von seinen Geheimnissen und will es in diesem Buch auch nur dieses eine Mal tun. Immer mit ein wenig Furcht, nicht wirklich verstanden zu werden. Denn oft genug - ich erlebe es häufig - versteht der andere manches, nur das nicht, was man ihm eben noch ganz deutlich erklärt hat. Da lasse ich es lieber. Und denke an John Allens Lehre: Fang nie an zu erklären! Das wird nur eine »never ending story«! Oder an die Variante eines Ausspruchs vom großen alten Regisseur Jürgen Fehling: Es geht das verehrte Publikum gar nichts an, wie Schauspielerei gemacht wird.
In ihrer Hexenküche hat der Fremde nichts zu suchen. Sonst weiß am Ende der Koch selbst nicht mehr so genau, welche Mixtur wofür denn noch gut war. Und deshalb verlasse ich nach diesem kurzen Ausflug die Küche auch gleich wieder und trotte hinüber in die Hallen 4/5, wo wir zwölf Stunden und mehr am Tag vor der Boot-Kamera standen. Neun Monate lang mit winzigen Pausen dazwischen.
Das Boot ist in drei Teile geteilt, in Bug, Mittelteil, Heck, und jeder Teil zur einen Seite hin aufgeschnitten. Dort also sitzen, stehen, spielen wir.
Die Kamera beäugt mich, wie ich da in meinem winzigen Funkerstand hocke. Dramatik. Sturm. Das Boot in höchster Gefahr. Achthundert Liter Wasser werden von oben auf uns geschüttet. Wirbelnd, reißend. Körper fliegen gegen die Wand. Im Team gibt es immer wieder Rippenbrüche. Aber weitermachen! Weiterdrehen!
Nur Film? Gewiss nur Film! Aber der soll ganz groß, ganz toll, ganz spannend werden. Nun zeigt mal, ob wir Deutsche auch so was können oder immer nur über grüne Kinoheide wandern!
Am Ende eines solchen Drehtags hat man nur eines im Sinn: zurück ins Hotel, unter die Dusche und sich für den nächsten Tag präparieren. Dann schlafen. Nichts als schlafen. Der Wecker rasselt früh genug. Dennoch haben wir Boot-People, lauter junge Kerle schließlich, die eine und andere Schwabing-Sause gemacht. Besonders in den Tagen, wo wir die »Gammelfahrt« filmten.
Keine Dramatik. Null Action. Nur Langeweile. Tote Gesichter. Gammelei.
An solchen Tagen kamen wir zur Aufnahme unausgeschlafen, unrasiert, die Augen verquollen, die Gesichter gedunsen. Unser Gähnen kam ganz echt, unsere Müdigkeit brauchte nicht gespielt zu werden. Aber keiner schimpfte mit uns. Im Gegenteil. Vor allem der Visagist war entzückt: »Huch, Kinderchen, euch braucht man ja gar nicht zu schminken! Bleibt einfach so, wie ihr seid!« Und einer neben mir, der Martin Semmelrogge mit seiner frechen Krähstimme, murmelte: »Dann hätte ja der Abend gestern eigentlich auf Betriebskosten gehen müssen.«
Wir alle waren ein Team. Aber wir sind deshalb nicht dicke Freunde geworden, die unentwegt im intimen Plausch zusammenhockten und letzte Geheimnisse miteinander austauschten. Eher schotteten wir uns mit unseren Problemen voneinander ab. Es war die Zeit, in der Kopfhörer Mode wurden. Praktisch jeden sah man in den Drehpausen mit diesen Dingern auf den Ohren herumlaufen. Das deutliche Signal für: Sprecht mich bitte nicht an!
Es war wohl auch so, dass sich jeder irgendwann mal ein bisschen danebenbenahm oder den Kotzbrocken vom Tag heraushängen ließ. Das war dann rasch wieder verflogen. Mit der Arbeit ging es weiter wie vorher. Sie bestimmte ganz und gar unser Verhalten.
Das Boot war unser Boot. Und als wir später in La Rochelle dabei waren, als dieses Boot langsam versank, wussten wir genau, dass das dort draußen nur Attrappe war. Doch war uns in diesem Augenblick, als würde dort ein Teil von uns selbst im atlantischen Grau versinken. Den Schmerz in Prochnows Blick haben wir damals alle empfunden.
Mit Prochnow verstand ich mich ausgezeichnet und war bei seinen großen Szenen sein begeistertster Beobachter. Und ein guter Freund wurde Uwe Ochsenknecht. Er war es, der von allen Kollegen meine Kämpfe und Qualen mit Angie am intensivsten mitbekam und mich mit großherziger Freundschaftlichkeit zu sich nach Hause einlud, damit ich in eine andere Umgebung und damit auch mal wieder auf andere Gedanken kam.
Wurde alle Seelenpein aber zu groß, habe ich mich ans Steuer gesetzt, bin aus München hinausgefahren und habe geschrien. Jawohl! Nichts als dagesessen und geschrien. Wie früher im Harz. Wie in Berliner »Release«-Zeiten, wenn der Stress mal wieder zu heftig wurde. Das half. Der eminente Druck im Brustkorb ließ langsam nach. Der Schmerz blieb. Aber nun war er wenigstens erträglich.
Nicht jeder wird das verstehen, ich weiß. In unserer Welt hat man leise zu sein und sich zusammenzureißen, nicht wahr? Wer schreit, hat Unrecht.
Wirklich?
» Können Sie das nicht etwas leiser sagen?«, wurde ich später vor allem in der Schweiz immer wieder aufgefordert, und auch das hat mir das schöne Alpenland zunehmend verleidet. Diese ewige Rücksichtnahme. Diese immer geputzten Schuhe, auf dass nur ja keiner auf den Gedanken kommt, man könne ein Problemchen haben und deshalb in dreckigen Latschen herumlaufen.
Nein, ich kann nicht leise sein. Ich will es nicht! Ich schreie, wenn mir danach ist. Der Schrei ist wie Lachen und Weinen. Etwas will aus dir heraus.
Auf dem Boot wurde natürlich nicht geschrien. Dort ging es leise zu, fast atemlos. Wie überhaupt für ein Kriegsdrama ein erstaunlich »stiller« Film entstand. Mit einer Spannung, die ganz aus der Ruhe kam. Eine der intensivsten Szenen fällt mir ein.
Es ist der Augenblick, in dem sich ein Kreuzer und zwei Zerstörer dem U-Boot nähern. Unten bleiche Gesichter, angehaltener Atem, Todesfurcht. Jeder schließt auf seine Weise mit dem Leben ab. Dann scheint alles noch einmal überstanden. Kurzes Aufatmen. Doch unmittelbar darauf der nächste Alarm. Ein anderer Zerstörer nähert sich. Gleich noch einmal die Situation wie eben.
Wieder Hochspannung. Todesangst.
Wir hocken zusammen, Prochnow und ich. Wolfgang Petersen sitzt uns gegenüber, so konzentriert wie wir. Aber geduldig. Wartet, bis wir so weit sind. Ganz drin in der Stimmung dieser Szene. Ein fragender Blick zu mir hin. Ein Nicken. Bin so weit. Der Prochnow auch. Und Wolfgang flüstert, nein, er wispert es: Action!
Kamera auf Prochnow. Der hebt ganz leicht die Lippen, deutet ein listiges Lächeln an, mehr in den Augen als um den Mund. Auch er flüstert nur: »Wir werden wohl ein Häkchen schlagen!« Das ist schon alles. Dieser eine Satz. Ohne Pathos und ohne Dramatik. Eher scherzhaft-schelmisch. Aber alles ist drin. Die ganze vor innerer Spannung nahezu weiß glühende Situation. Drama, das ganz aus der Stille kommt.
Das, glaube ich, ist die wesentliche Qualität vom Boot. Und dafür waren hier genau die richtigen Leute zusammengekommen. Fanden im Zusammenspiel unter Petersens Leitung den genau richtigen Ton.
In solchen Szenen, aber auch insgesamt, war er ein schlicht fantastischer Regisseur. Einfühlsam, mit besonderem Spürsinn für die innere Befindlichkeit seiner Darsteller. Er mischte sich nicht ein, ließ uns voll in unserer Intensität.
Petersen verwirrt Schauspieler nicht. Reißt keine Witzchen, um die anderen zu »entspannen«, was ich ohnehin nicht leiden kann. Denn sorry, ich brauche diese Art Entspannung nicht. Nicht immer noch einen Kantinenscherz und noch mal die Anekdote, wie einer mal fast von Ingmar Bergman engagiert worden wäre. Ich will ganz intensiv bei der Sache sein. Dabei hilft ein Regisseur wie Petersen.
Er hat auch seine Schwächen.
Zum Beispiel spielt er leidenschaftlich gern vor. Und leidenschaftlich schlecht. Normalerweise kann ich das auf den Tod nicht ausstehen.
Bei Petersen war ich nachsichtig. Denn er spielte vor, weil es ihm selbst so furchtbar viel Spaß machte. Und es war in gewisser Hinsicht auch hilfreich. Nicht, dass man das zu spielen versuchte, was er vorgemacht hatte. Um Himmels willen, nur das nicht! Aber man wusste, worauf er hinauswollte. Das konnte man dann umsetzen. Auf die ganz eigene Art. Darin bevormundete er einen nicht.
Die Zeit flog dahin. Man vergaß Stunden, Tage. Die Wirklichkeit schien stillzustehen, wenn man den Tag lang da gehockt hatte als Funker Hinrich. Als dieses Bündelchen Mensch tief unten im Ozean, das doch viel lieber an hellen Sonnentagen sein kleines Sportflugzeug über den blauen Himmel gesteuert hätte und nun hier unten so viel Entsetzliches und manch Herzzerreißendes erlebt. Einer, der sich schließlich hintastet zum kleinen Blumentopf, wo die Zwiebel sprießt, das Band zu seiner Frau.
Er nimmt sie wie die größte Kostbarkeit zwischen seine Finger, betrachtet sie mit leichtem, zartem Lächeln. Er denkt an seine Frau, weiß sich ihr nahe - und doch so weit, irgendwo viele tausend Kilometer fern.
Manchmal schwer, nach solchen Drehtagen wieder in die andere, die »richtige« Wirklichkeit zurückzufinden.
Ich kann mich erinnern, dass ich am Ende jenes Tages, als wir die Szene mit den Zerstörern gedreht und dabei gar nicht so viel »gemacht« hatten, total erschöpft war. Ausgepumpt bis zur völligen Leere. Und noch voll drin in jener imaginären Blase, die uns abschirmt gegen alle Oberflächenrealität. Fürs Erste jedenfalls.
Das Spiel war aus. Die Rolle lebte in mir weiter. Ich wankte zum Hallenrand, stand dort neben einem Kaffeeautomaten. Irgendein freundlicher Mensch reichte mir einen Becher. Ich muss ihn wohl angestarrt haben wie einen Außerirdischen: Kaffee? Was ist das?
Mechanisch langte ich nach dem Becher. Schrie auf, ließ ihn fallen. Zu heiß. Auch daran hatte ich nicht gedacht, war immer noch nicht ganz von dieser Welt. Erst allmählich teilten sich wieder die Nebel vor meinen Augen.
Das also war die Halle 4/5, aha!
Es wurde abgebaut, die Hydraulikmaschine abge- stellt. Irgendwer trug gerade die Kamera hinaus. Feierabend. In der Halle wurde es immer leiser. Und in die Stille hinein fragte ich mich: Wo warst du eben noch? Wo bist du jetzt? Und wer bist du eigentlich? Der Heinz? Der Hinrich?
Eine Stimme plötzlich, keine Ahnung, woher sie kam: Nanu! Bist ja noch im Kostüm! Nun zieh dich endlich um! Aber ich konnte mich nicht umziehen, hätte wohl noch die ganze Nacht so dagestanden, wenn man mich in der immer dunkler werdenden Halle hätte stehen lassen, hätte stumpf vor mich hingestarrt. Regungslos.
Erst ganz allmählich taute ich auf. Und der erste klare Gedanke, den Heinz hatte und nicht Hinrich, war: Diesen Drehtag also - den vergisst du nimmermehr!
Ich vermute, jeder aus der Boot-Crew wird in sich solche Erinnerungen aufbewahrt haben. Aber wir tauschten uns nicht aus. Nicht damals, nicht heute. Dieser große innere Zusammenhalt, diese wie selbstverständliche Übereinstimmung blieben auf die neun Arbeitsmonate beschränkt. Jeder brachte in dieser Zeit sein eigenes Baby zur Welt. Wir waren die Family. Das war dann vorbei. Okay und gut so!
Wir schreiben uns nicht, sehen uns selten. Begegnen wir uns mal, strahlen wir uns an: Wie geht’s, Alter? Gut? Fein! Das kann es dann gewesen sein. Kommt einer in die Stadt des anderen, spürt er nicht unbedingt den Zwang, sich schleunigst bei ihm zu melden. Es gibt keinen Stammtisch, keinen festen Treff. Vom anderen legendären Nachkriegsteam, den sieben Jungs aus Bernhard Wickis Brücke-Film, weiß ich, dass es zwischen ihnen nicht anders zugeht.
Wahrscheinlich ein Naturgesetz. Man spielt eine Rolle. Spielt sie mit aller Hingabe, eingebettet in den Gemeinschaftsgeist des Teams. Jeder gibt. Jeder nimmt. Das Ziel zählt. Nicht der Weg dorthin. Danach sucht sich jeder seinen weiteren Weg allein.
Das Ziel für alle war, einen guten Film zu machen. Keinen Welterfolg um jeden Preis. Den kann sowieso niemand erzwingen. Dass Das Boot dennoch einer wurde, bis nach Japan hin, hat uns alle überrascht. Große Auswirkungen hat es zunächst nicht gehabt.
Der Film lief selbst in Amerika, und das mit größtem Erfolg. Angebote kamen von dort nicht. Aber Fan-Post, und die reichlich. Mit Einladungen dabei, in alle Gegenden der Welt. Ich musste manchmal grinsen: Wenn bei mir mal alle Stricke reißen und ich völlig ohne Kohle bin, könnte ich immer noch auf der Spur dieser Einladungen rund um die Welt reisen und würde überall durchgefüttert werden. Ein ziemlich tröstlicher Gedanke!
Meine ganz persönliche Boot-Bilanz sieht aber etwas anders aus.
Als mein Sohn Lucas den Film bei seiner zigsten Bildschirm-Wiederholung zum ersten Mal sah, war er ein bisschen enttäuscht. »Och, bist ja gar nicht so furchtbar oft zu sehen, Papa!«
Stimmt, mein Junge. Der Hinrich ist nun mal eine ziemlich kleine Rolle. Doch darauf kommt es gar nicht an. Ich habe Riesenrollen gespielt und erinnere mich an die dazugehörenden Filme nur äußerst ungern. Diese Rolle aber, so klein sie sein mag, hat mir zweierlei gebracht.
Einmal hatte ich mich im »leisen« Fach bewährt.
Das andere ist etwas schwerer zu erklären.
Ich bin Jahrgang 51, war nie im Krieg, und damals in den Fünfzigern schien er für viele schon so fern zu sein wie die Schlachten von Waterloo und Leuthen.
Natürlich hatte er noch überdeutlich seine Spuren hinterlassen. In fast jeder Familie. Auch bei uns. Mein Vater war in russischer Gefangenschaft gewesen, hatte dort Schlimmes erlebt. Er sprach nur selten und ungern davon. Überhaupt wurde nur selten über die NS-Zeit und den Krieg gesprochen. Das war damals so, als man an das unmittelbar Vergangene wie an einen fernen, bösen Traum dachte.
Auch die Bundeswehr blieb mir erspart. Zwar wurde ich gemustert. Aber als die Einberufung kam, war ich schon in Berlin. Ich hatte dennoch die Frechheit, hinzufahren, und das sogar in wehrwilliger Absicht. Denn ich hätte mich in dieser Zeit ganz gern zum Fotografen ausbilden lassen. Als aber die Herrschaften dort hörten, ich würde beim »Release« mit Süchtigen zusammenarbeiten, winkten sie schleunigst ab. Bloß keine Drogen in der schönen sauberen Bundeswehr!
Also kein Soldat Hoenig. Aber ich begriff in diesen neun Monaten, in denen Das Boot gedreht wurde, wer die Jungs gewesen waren, die in jenen Jahren zum Militär eingezogen wurden, begeistert zum Teil und in ihrer Begeisterung missbraucht. Wäre ich, begeisterungsfähig, wie ich bin, gleichfalls für Krieg und Zerstörung zu bewegen gewesen, immer im Bewusstsein, einer großen Sache zu dienen? Wahrscheinlich.
Ich lernte auch, was Krieg zunächst mal bedeutet. Kein Heldentum. Kein Abenteuer. Stumpfsinn. Langeweile. Das endlose Warten auf etwas, wovor man zugleich zittert. Graue Wölfe da unten in der Tiefe? Dass ich nicht lache!
In einer der wenigen etwas komödiantisch-lockeren Szenen im Boot - ich selbst war leider nicht drin - wird dieser falsche Kult, diese Verkitschung der wahren Leistung glänzend ironisiert.
Beim Stopp in Vigo, wo die vom Boot am Weihnachtsabend Gäste sind auf einem geschniegelten Handelsdampfer bei Christstollen, »Ihr Kinderlein kommet« und Heringssalat. Wie Prochnow und die anderen auf die hohlen Komplimente der »Kameraden« in blanker Uniform reagieren, abweisend, wortlos, entlarvt alles hohle Schlagwortgetue. »Diese Operetten-Seeleute«, knurrt Prochnow einmal. Das waren die auf dem Boot ganz sicher nicht.
Arme Bengel waren das. Der Schluck Suppe, ein Teller nicht ganz so matschiger Nudeln waren für sie Kostbarkeiten, einmal Händewaschen zusätzlich oder gar eine Dusche der größte Luxus. So ändern sich dort unten in der Tiefe die Werte und Maßstäbe.
Vierzigtausend sind damals hinausgefahren. Nur 10000 kehrten zurück. Ich glaube, diesen allen hat unser Film ein schönes, würdiges Denkmal gesetzt. Und ich, der Heinz Hoenig, war dabei.
Ende der Leseprobe aus
Heinz Hoenig mit Paul Barz
Meine Freiheit nehm ich mir
332 Seiten
3-7857-2104-8
Gustav Lübbe Verlag
gebunden
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